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Mettmanner läuft Halbmarathon mit Beinprothese: Aufgeben ist keine Option

Mettmanner läuft Halbmarathon mit Beinprothese : Aufgeben ist keine Option

Der Mettmanner Kim Cremer lief am vergangenen Wochenende seinen ersten Halbmarathon in Berlin. Nach einer Stunde und 46 Minuten passierte er das Brandenburger Tor und damit die Zielgerade - und das mit einer Beinprothese.

Geht nicht, gibt’s nicht bei Kim Cremer. Nachdem er vor acht Jahren bei einem schweren Motorradunfall in letzter Instanz seinen Fuß inklusive Unterschenkel verlor, mutierte der einstige Sportmuffel zu einer Laufmaschine mit ordentlich Kampfgeist. In einem Internet-Blog berichtet der heute 35-Jährige von seinem Unfall, den zahlreichen OP’s, Rehas, den täglichen Schmerzen und über seinen Entschluss, sich am Ende den kaputten Fuß amputieren zu lassen.

Unter dem Titel „Das Leben geht weiter, auch wenn es humpelt“ teilt er seine Erfahrungen im Alltag mit anderen Menschen, die vielleicht auch in einer ähnlichen Situation stecken und denen er Mut machen möchte, niemals aufzugeben - egal wie oft das Leben einen zu Boden drückt, denn einen wahren Kämpfer misst man nicht an seinen Erfolgen, sondern an seinen Niederlagen und daran, das er jedes Mal wieder aufsteht und weiter macht. Und genau so ein Kämpfer ist Kim Cremer.

„Vor meinem Unfall war ich total unsportlich, doch nachdem ich mich dazu entschlossen habe, mir den Fuß abnehmen zu lassen, weil ich die schlimmen Schmerzen einfach nicht mehr ausgehalten habe, war es mir sehr wichtig, mich körperlich fit zu halten“, sagt uns der dreifache Familienvater. Also wurde er Mitglied im TSV Bayer-Leverkusen und trainiert seitdem gemeinsam mit den Parasportlern. „Der Anfang war echt hart“, erinnert er sich. „Nach den ersten 800 Metern war bei mir konditionell schon Essig.“ Doch nach und nach und mit regelmäßigem Training verbesserte sich die körperliche Fitness des Mettmanners.

Auch das Laufen mit der Sportprothese klappte immer besser. „Man fängt quasi bei Null an. Die Prothese muss immer wieder neu angepasst werden, damit der Stumpf nicht zu tief in den Schaft rutscht.“ Durch das Training verändert sich schließlich die Muskulatur und der Umfang des Oberschenkels. Kommt außerdem zu viel Druck auf das amputierte Bein, schmerzt es. „Auch das Laufen mit einer Carbonfeder musste ich erstmal lernen. Die Bewegung soll im besten Fall flüssig sein, sprich das ‚gesunde’ Bein und das Bein mit der Prothese müssen in der Laufabfolge gut miteinander harmonieren.“

Nach gut 1,5 Jahren Training nahm der Mettmanner am ersten virtuellen Mettmanner Bachlauf teil und lief dort die fünf Kilometer in rund 22 Minuten. Zwischen der Anmeldung zum Halbmarathon in Berlin bis zum eigentlichen Lauf lagen nur fünf Wochen Vorbereitungszeit. „Ich habe zu dem Zeitpunkt alle zwei Wochen mal acht bis zehn Kilometer als absoluten Longrun bezeichnet. Sonst gab’s schnelle fünf Kilometer auf die Beine und gut war. Der Gedanke an dem Halbmarathon reizte mich, allein weil ich noch nie in Berlin

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war“, schreibt Kim Cremer in seinem Blog. Doch so einfach, wie der Mettmanner sich seine Vorbereitung auf den Halbmarathon vorstellte, war sie leider nicht. „Montags Training in Leverkusen, dienstags Bahntraining in Mettmann, donnerstags mal allein locker laufen, am Wochenende die Distanz hochschrauben auf 12, 14 beziehungsweise 15 Kilometer. So war zumindest die Idee“, sagt Cremer.

30 Kilometer pro Woche statt 15 waren dann aber rückwirkend doch etwas zu viel auf einmal. Stumpfbeschwerden plagten den Läufer beim Training, weil der Körper schmaler wurde. Der Schaft musste immer wieder neu angepasst werden. „Ich war genervt vom Schmerz und machte mir selber zu viel Druck.“ Doch Kim Cremer wäre nicht der Mensch, der er ist, wenn er sich von solchen Widrigkeiten beeindrucken ließe. Am Ende seiner Trainingsphase zählt für ihn nur eins: „Einfach gesund im Ziel ankommen.“

Am Renntag selber war er „dennoch ziemlich nervös, aber die Stimmung unter den Läufern und den Zuschauern war grandios und das pushte mich natürlich zusätzlich.“ Bis Kilometer 18 lief alles gut für ihn und die im Vorfeld eingeplanten Pausen, um sein Bein und seine Prothese vom Schweiß zwischendurch trocken zu legen, waren überhaupt nicht notwendig. Doch dann waren sie wieder da - die Schmerzen. Am Knie der Prothesenseite und in den Hüften. Aufgeben? Auf gar keinen Fall. Durchziehen ist angesagt. Beim Passieren der Zielgeraden klatschen ihn fremde Menschen ab, die Stimmung ist super und Kim Cremer einfach nur noch happy, dass er es ins Ziel geschafft hat. „Mein erster Halbmarathon in 1:46:27 gerockt. Das ist für mich ein echtes Highlight.“

Und wie geht’s jetzt weiter? „Im Moment erhole ich mich erstmal vom Lauf und dann mal schauen. Einen Triathlon in der Kurzdistanz reizt mich. Wir bauen gerade an einer Prothese, die ich dann fürs Rennradfahren nutzen kann.“ Kim Cremer ist auf jeden Fall motiviert und wird sportlich weiter am Ball bleiben. Vor kurzem hat er übrigens Kontakt zu den damaligen Ersthelfern bei seinem Unfall aufgenommen. „Es waren Feuerwehrleute aus Erkrath, die zufällig vor Ort waren und die Erstversorgung übernommen haben. Mit dem Leiter der Feuerwehr, Guido Vogt, habe ich telefoniert und mich bei ihm und seinen Kollegen für die Hilfe bedankt. Ohne sie und ohne meine Familie, die mir immer den Rücken gestärkt hat, stünde ich heute nicht hier.“ Wer mehr über Kim Cremer erfahren möchte, dem sei sein Blog https://kimiiblog.wordpress.com/ ans Herz gelegt.

(nic)