Graffiti-Projekt Aus Grau wird Haltung

Kreis · Wo früher grauer Putz dominierte, ziehen nun kräftige Farben und drei große Begriffe die Blicke auf sich: Respekt, Vielfalt und Freiheit. Das Kunstwerk auf der einst tristen Betonwand am Lehrerparkplatz der Städtischen Gesamtschule Haan entstand im Rahmen des Graffiti-Projekts des Vereins Neue Wege.

Wie in den vergangenen Jahren standen Jugendliche im Mittelpunkt, die im Rahmen eines Jugendstrafverfahrens Sozialstunden ableisten.

Foto: Verein Neue Wege

Bei der Präsentation des fertigen Werks herrschte spürbare Neugier. Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Haan, die Schulleitung, Mitglieder des Vereins sowie die Presse kamen zur kleinen Vernissage zusammen. Für ein langjähriges Vereinsmitglied war der Anlass sogar eine rund 80 Kilometer lange Anreise wert.

Dabei unterschied sich das diesjährige Projekt in mehrfacher Hinsicht von seinen Vorgängern. Wie in den vergangenen Jahren standen Jugendliche im Mittelpunkt, die im Rahmen eines Jugendstrafverfahrens Sozialstunden ableisten.

Für sie beginnt jedes Projekt unter besonderen Vorzeichen: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennen sich meist nicht, wissen wenig voneinander und haben zunächst kaum eine Vorstellung davon, was sie erwartet. Auch die Fachkräfte der Jugendhilfe im Strafverfahren (JuHiS) begleiten zunächst nur die Jugendlichen aus ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich.

Neu war in diesem Jahr die künstlerische Leitung. Erstmals übernahm der Erkrather Graffiti-Künstler Ian Zupan die Verantwortung für das Projekt. Erfahrung in der Arbeit mit jungen Menschen bringt er mit – bislang allerdings überwiegend mit Jugendlichen, die sich freiwillig für kreative Projekte entschieden hatten.

Vor allem aber änderte sich das Konzept. Während in den Vorjahren ein fertiger Entwurf vorgegeben wurde, entwickelten die Jugendlichen diesmal ihre Gestaltung selbst. Gemeinsam diskutierten sie, welche Botschaft ihr Graffiti vermitteln sollte, experimentierten mit Schriftformen und entwarfen ihre Buchstaben mit Bleistift auf Papier.

Erst danach begann die praktische Arbeit. Bevor überhaupt Farbe zum Einsatz kam, musste die Mauer gründlich gereinigt und grundiert werden. Anschließend folgten die ersten Übungen mit der Spraydose: Wie hält man sie richtig? Wie entstehen saubere Linien? Warum ist eine Skizze auf der Wand unverzichtbar?

Ian Zupan ließ den Jugendlichen dabei bewusst viel Freiraum. „Es kann nichts Schlimmes passieren“, lautete seine Haltung. Im schlimmsten Fall, so der Künstler, müsse eine Fläche eben noch einmal grundiert werden. Diese Gelassenheit zahlte sich aus. Schritt für Schritt entwickelte sich aus einer Gruppe Fremder ein Team. Buchstabe für Buchstabe entstand das gemeinsame Kunstwerk – und mit ihm ein wachsendes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Manche entdeckten dabei Talente, die sie selbst nicht erwartet hätten.

In der Pädagogik spricht man von Selbstwirksamkeit – dem Erleben, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Ein Begriff, den Schulleiter Christian Hoffmann nach diesen vier Projekttagen mit Leben gefüllt sah. Beeindruckt von dem Ergebnis zeigte er sich offen dafür, Ian Zupan auch für weitere Schulprojekte zu gewinnen.

Auch Hoffmann selbst griff erstmals zur Spraydose. Gemeinsam mit der Ersten Beigeordneten der Stadt Haan, Annette Herz, brachte er unter fachkundiger Anleitung das Vereinslogo auf die Wand. Die drei zentralen Begriffe des Kunstwerks – Respekt, Vielfalt und Freiheit – stammen aus den Diskussionen der Jugendlichen selbst. Sie spiegeln wider, was ihnen wichtig ist und wofür sie stehen möchten.

Wer das Wort „Freiheit“ beim ersten Blick nicht sofort erkennt, erlebt dabei einen bewusst gesetzten Effekt. „Freiheit bekommt man nicht geschenkt, die muss man sich erarbeiten“, erklärt Özkan Aksoy von der Jugendhilfe im Strafverfahren in Erkrath mit einem Augenzwinkern.