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Der Mettmanner Marcel Lesaar veröffentlicht Buch über den Bomber-Abschuss 1944 im Düsseltal
"Kennen Sie den Lancaster-Bomber, der über Schöller runter kam?"

Der abgeschossene Bomber im Düsseltal
Der abgeschossene Bomber im Düsseltal FOTO: FF
Mettmann. Idyllisch zeigt sich das Bergische Land bei Wuppertal-Schöller: In direkter Nachbarschaft zu Mettmann bietet sich hier eine tolle Wanderroute. Dass die Gegend ein dunkles Geheimnis verbirgt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen.

Am 23. Mai 1944 stürzte hier ein britischer Lancaster-Bomber ab. Nur zwei der sieben Besatzungsmitglieder überlebten den Absturz. Im Waldgebiet etwas außerhalb des Ortskerns der Wuppertaler Außenbürgerschaft sind davon heute kaum noch Spuren zu sehen. Höchstens anhand des Baumwuchs und diverser Kuhlen kann der Betrachter erahnen, dass hier vor über 70 Jahren ein tonnenschwerer Bomber abgestürzt ist. Der Mann, dem wir nähere Informationen über den Abschuss der Lancaster zu verdanken haben, ist der 49-jährige Mettmanner Marcel Lesaar, der das Buch "Lancaster-Absturz in Wuppertal-Schöller" veröffentlicht hat.

Vor drei Jahren hatte der ehrenamtliche Mitarbeiter des Amtes für Bodendenkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) den Absturz des kanadischen Halifax-Bombers im Dezember 1943 über dem Benninghof untersucht. Damals bekam er den Tipp, dass ein halbes Jahr später in Schöller ebenfalls eine Alliiertenmaschine abgestürzt war. "Ein Zeitzeuge fragte mich da, ob ich denn auch die Maschine der Royal Air Force kennen würde, die zwischen Schöller und Gruiten abgestürzt ist", sagt Lesaar.

Kannte er nicht, denn der Lancaster-Bomber von Schöller war völlig in Vergessenheit geraten. Lesaar ging dem Tipp nach und untersuchte das Areal, das sich in einem dichten Waldgebiet im Naturschutzgebiet Düsseltal befindet, mit einem Metalldetektor etwas genauer und wurde schnell fündig. Aluteile, aber auch Plexiglas und sogar eine Uhr konnten Lesaar und seine Mitarbeiter in einem 50x50 Meter breiten Gebiet finden. "Besonders die Uhr hat mich emotional sehr berührt, man fühlt sich dem Menschen auf einmal sehr nahe", sagt Lesaar, der echte Detektivarbeit leisten musste, um Genaueres über die Maschine zu erfahren.

Auf einigen Teilen, die von Flugzeugstreben stammten, konnten Nummern identifiziert werden, die mit Daten der britischen Royal Air Force verglichen, klar aufzeigten, um welches Flugzeug es sich bei dem völlig zerstörten Wrack handeln musste: Die Lancaster NE114 der 166. Staffel, die an diesem Abend im Jahr 1944 einem Angriffsverband angehörte, der Dortmund bombardiert hatte und auf dem Rückflug nach England war. Eine schwere viermotorige Maschine, die eine 4000-Pfund Landmine, 108 30-Pfund-Brandbomben und 1170 Vier-Pfund-Brandbomben abgeworfen hatte. Der Angriff auf die Ruhrgebietsstadt kostete an diesem Abend 514 Menschen am Boden das Leben, 1867 wurden verletzt.

"Die Crew der NE114 bombardierte Dortmund um 0.49 Uhr und nach dem erfolgreichen Einsatz wurde die Maschine von zwei deutschen Jägern angegriffen", sagt Marcel Lesaar. Obwohl Pilot Harry R. Moncrieff (26) aus Kanada versuchte, den Jägern mit waghalsigen Manövern auszuweichen, wurde seine Maschine mehrfach getroffen und geradezu zerfetzt. 10 Sekunden vor dem Aufprall sagte Moncrieff seine letzten Worte, wie sich der Bombenschütze William Chandler (28), ebenfalls aus Kanada, später erinnerte: "Nun Freunde, ich denke das war's, springt ab!" Leider gelang dies außer Chandler nur noch dem 20-jährigen Kanadier Charles Keith Wynn, der als Heckschütze eingeteilt war. Neben Kapitän Moncrieff starben die Engländer Denis Asquith (21), John Notley (19), William F. Shead (20) und der Schotte Samuel Flavell (29).

Während seiner Puzzlearbeit stieß Marcel Lesaar neben den Aussgen der Überlebenden auch auf deutsche Zeugen. So wurde Anwohner Oskar Pöll 1948 von einem britischen Untersuchungsoffizier zu den Vorgängen befragt. "Zwei Besatzungsmitglieder, die aus der Maschine beim Aufprall herausgeschleudert worden waren, wurden von den Flammen weggezogen. Sie waren aber bereits tot. Als das Wrack am nächsten Tag abgekühlt war, erfolgte eine Suche nach weiteren Besatzungsmitgliedern. Die beiden vollständigen Körper bekamen separate Särge." Direkt nach dem Absturz wurde das Gebiet in Schöller von der Wehrmacht abgeriegelt. Die Überreste der Flugzeuginsassen wurden zunächst auf dem Ehrenfriedhof in Düsseldorf und nach dem Krieg auf dem Britischen Ehrenfriedhof im Reichswald in Kleve begraben.

Marcel Lesaar hat für sein sehr lesenswertes Buch auch Verwandte und Nachfahren der Crewmitglieder kontaktiert und der Leser erhält durch Fotos und biographische Angaben einen Einblick in das Leben der jungen Männer. "Das war für mich ebenfalls ein sehr emotionaler Teil der Arbeit, da die Menschen Gesichter bekamen." Lesaar seinerseits konnte den Angehörigen der alliierten Soldaten durch seine Recherchen neue Einblicke in das Schicksal der Männer geben. "Der Austausch war etwas ganz Besonderes", sagt Lesaar, der von den Kanadiern und Briten mit offenen Armen empfangen wurde. Eine Gedenktafel ist auf Initiative von Marcel Lesaar geplant. Eine tolle Geste, 71 Jahre nach Kriegsende!

 

Info: Marcel Lesaar, Lancaster-Absturz in Wuppertal-Schöller, BoD, Norderstedt. ISBN 978-3-8423-3047-4

(Schaufenster Mettmann/Felix Förster)